Bereits 1587, zu einer Zeit als Burg Liebenstein noch bewohnt war, existierte die Sage, wie Arnoldus Buchelius berichtet:

'Auf dem anderen, eigentlich deutschen Ufer liegen auf einem hohen Felsen nahe beieinander, ja fast zusammenstoßend, zwei Burgen. Zwischen ihnen ist nur eine Mauer von großer Mächtigkeit, die 13 Fuß beträgt. Die der Mauer zunächst liegende Burg Sterrenberg drohte einzustürzen und stand schon lange leer, die andere mit Namen Liebenstein, war bewohnt. Das Volk erzählt von ihnen folgende Geschichte:

Zwei Brüder, die einstigen Besitzer, hätten sich lange gefehdet, und der Sieger habe gewollt, daß die Burg des anderen verlassen würde. Am Fuße des Berges steht eine Kirche, die die Schwester der beiden gegründet haben soll.'

Einst lebte auf Sterrenberg, der nördlichen Burg, ein reicher, mächtiger Ritter. Er besaß zwei Söhne und eine Tochter, die blind war. Der Vater erbaute für seinen jüngeren Sohn neben der Stammburg eine zweite, die er Liebenstein nannte. Es war sein unabdingbarer Wille, daß die Brüder nach seinem Tod das Vermögen in gerechter Weise mit ihrer Schwester teilen sollten.

Als der Vater die Augen geschlossen hatte, machten die Söhne sich daran, das Gebrechen des armen Mädchens auszunützen und es um seinen Anteil zu betrügen. Der hinterlassene Schatz war so groß, daß die Gold- und Silberstücke mit Scheffeln gemessen werden mußten. Jedesmal, wenn die Schwester an der Reihe war, stülpten sie den Scheffel um und belegten nur die Außenseite des Bodens mit Geldstücken, und die Blinde, der man das hölzerne Maß zum betasten gab, hielt den Scheffel für gefüllt. So kam die Arme um den größten Teil ihres Erbes; aber auf dem Geld des betrogenen Ritterfräuleins lag Gottes reicher Segen. Sie verbrauchte kaum einen Heller für sich, sie stiftete vielmehr davon drei Orten der Andacht, Bornhofen, Kiedrich und Not-Gottes, zu denen bis auf den heutigen Tag lobsingend Pilger wallen.

Über das unrechte, schmählich erschlichene Gut der beiden Brüder aber kam Gottes gerechte Strafe. Schon wenige Wochen nach des Vaters Tod gerieten sie miteinander in erbitterten Streit. Da selbst des Kaisers Majestät den Zank nicht schlichten konnte, errichteten sie haßerfüllt eine Mauer zwischen ihren Burgen, hoch genug, daß keiner mehr dem anderen ins Gehege kommen konnte. In kurzer Zeit war das Geld zerronnen, und große Not kam über sie. Erst, als jeder auch seinen letzten Heller vertan hatte, versöhnten sie sich wieder; aber es war dennoch kein Glück mehr bei ihnen.

Eines Tages verabredeten die beiden Brüder, frühmorgens auf die Jagd zu gehen. Sie machten ab, daß der, der zuerst aufwache, den anderen wecken solle. Da nun der eine sich früher erhob als der andere und den Fensterladen in der benachbarten Burg noch verschlossen sah, schoß er, den Bruder zu wecken, einen Pfeil hinüber. Im gleichen Augenblick jedoch öffnete jener das Fenster und ward von dem Geschoß ins Herz getroffen. Der Brudermörder wider willen wanderte auf langer, mühseliger Fahrt zum heiligen Grab und starb dort an Entkräftung. Da auch die Schwester nicht mehr lebte, gelangte das Erbe der feindlichen Brüder in fremde Hände.


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