Die Leichterei auf der Salziger Reede




Wenn man heute in Bad Salzig bei jüngeren Leuten das Gespräch auf das Leichtern der Rheinschiffe bei Niedrigwasser bringt, können die meisten mit diesem Begriff gar nichts anfangen, ja, viele wissen überhaupt nicht, was damit gemeint ist. Dabei hatte die Leichterei in der Zeit vor 1960 in Salzig eine große wirtschaftliche Bedeutung, denn sie gab vielen Menschen in Salzig: Arbeitern, Tagelöhnern und kleinen Bauers- und Geschäftsleuten, einen spürbaren zusätzlichen Verdienst, der in den kargen Jahren nach dem Ersten- und Zweiten Weltkrieg hoch willkommen war.

Leichtern war das Umladen etwa des halben Inhaltes der Frachtschiffe, die voll beladen aus den Ruhrhäfen zum Oberrhein gezogen wurden, in leere, auf der Salziger Reede liegende Lastkähne. Das war notwendig weil bei Niedrigwasser wegen der vielen Untiefen und mehrerer Felsbarrieren zwischen St. Goar und Bingen ein Durchfahren ohne Havarie nicht gut möglich war. Erst nach 1960 wurden in einem großen Rheinvertiefungsprogramm diese Hindernisse gesprengt und beseitigt so das in der heutigen Zeit der Rhein diesbezüglich seine Gefährlichkeit verloren hat.

Seit Eröffnung der Frachtschifffahrt mit immer größeren Lastkähnen, die natürlich auch einen immer größeren Tiefgang hatten, wurde das Umladen der Fracht bei Niedrigwasser unumgänglich und diese Tätigkeit nahm infolge der industriellen Entwicklung immer mehr zu. Die Schiffe brachten, wie ich schon oben erwähnte, meist volle Ladung bis Salzig und bei geringem Wasserstand wurde das Frachtgut zum Teil in herbeigebrachte Lastkähne so verteilt, dass sie die weitere Fahrstrecke durch das Mittelrheingebiet und besonders durch das Bingerloch passieren konnten. Bekanntlich nahm in Salzig schon vor dem Ersten Weltkrieg der Kaufmann Wilhelm Steil diese Sache in die Hand. Es mussten die Leichterleute angeworben werden, die Arbeitsgruppen wurden zusammengestellt, mit den Schiffsfirmen wurde die Entlohnung ausgehandelt und viele andere Dinge waren zu regeln. Dafür war natürlich ein erfahrener und kuragierter Mann nötig.

Diese Leichterleute, meist Tagelöhner, Kleinlandwirte und Winzer, besorgten das Umladen meist von Hand. Kohlen wurden oft mit schweren Weidenkörben auf den Schultern, über schwankende Bretterdielen von Schiff zu Schiff getragen Die Güter waren Brennstoffe aller Art, Getreide, Rohzucker, Holz, Ballen voller Jutesäcke u.s.w. Eine Mannschaft zum Leichtern eines bestimmten Schiffes nannte man "Poddl", wohl vom englischen Wort "Pool" d. h. Zusammenschluss abgeleitet. Der Nachfolger von Wilhelm Steil war der Schiffer Philipp Kahl, "genannt Stolle Philipp", der schon vorher einen Orderdienst für die Rheinschiffsfirmen betrieben hatte. Lastkräne übernahmen nun die schwersten Umladearbeiten. So ein Lastkran war ein Schleppkahn, kombiniert mit einem Dampfkran. Nebenbei waren diese auch Bunkerkräne, die aus einem beiliegenden Kohlekahn auch Dampfschiffe bebunkerten. Neben einem gewissen Vorrat an Bunkerkohle hatten sie noch andere Laderäume die dazu dienten, Leichterpartien aufzunehmen für die im Augenblick kein geeigneter Leerraum zur Verfügung stand. Fast jede der großen Firmen wie Hugo Stinnes, Franz Haniel, Braunkohle, Raab-Karcher, Fendel u.s.w. hatten einen eigenen Kran und sie bedienten auch Kleinfirmen und Partikuliere. Das waren Schiffseigner und Schiffsführer in einer Person. Doch der damals sich stetig aufwärts entwickelnde Güterverkehr ließ noch genug Arbeit und damit Verdienst anfallen für die von Hand leichternden Männer, sowie für die hiesigen Wirte, Krämer, Handwerker und auch für viele Obst und Gemüsebauern und die damals noch recht zahlreichen Salziger Winzer. Die vielen zu leichternden Schiffe mit ihren Mannschaften blieben oft mehrere Tage, manchmal auch ein oder zwei Wochen in Salzig vor Anker liegen und benötigten natürlich viele Dienstleistungen bei den verschiedensten Handwerkern, dazu Fleisch und Wurstwaren sowie Lebensmittel und zahlreiche andere Sachen für ihren täglichen Bedarf. Die Bauern und Straußwirte brachten neben ihrem Wein auch manche Tochter an den Mann und die, welche ledig blieben waren selber schuld. Auch wurde dadurch manches Haus in Salzig durch Schiffmann oder Kapitän erbaut, weil unser Ort recht günstig auf halbem Wege zwischen Nieder- und Oberrhein mit seinen Industrien liegt und man während den Liege- und Leichterzeiten bei der Familie sein konnte.




Michel Schladt
Bad Salzig am Rhein
Römerstraße 17


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